
Alina Müller – die Bronze-Heldin
Alina Müller hat sich definitiv schon im Alter von 27 Jahren ein Denkmal im Schweizer Damen-Eishockey verdient. Denn dank ihren Toren hat die Schweiz nun zweimal olympisches Edelmetall, zweimal die Bronzemedaille gewonnen. Das erste Mal im Jahr 2014 im Bronzespiel gegen Schweden und nun im Bronzespiel, 12 Jahre danach, wieder gegen Schweden. Drum bauen wir Alina Müller hier nun ein Denkmal in Form eines Portraits.
Es ist definitiv kein Zufall, dass am Donnerstag nach dem Bronzespiel zwischen der Schweiz und Schweden der Song „sarà perché ti amo“ der italienischen Band „Ricchi et poveri“ über die Lautsprecher lief. „sarà perché ti amo“ oder auf deutsch übersetzt: „Das wird der Grund sein, weshalb ich dich liebe“. Der Grund ist simpel. Alina Müller erzielte gestern in Milano wie 12 Jahre zuvor in Sotschi das Game winning goal. Und was für ein Tor das war. Mit der Scheibe am Stock lief Alina Müller in der mit 3 gegen 3 Feldspielerinnen gespielten Verlängerung ins gegnerische Verteidigungsdrittel rein und bediente backhand ihre mitgelaufene Teamgefährtin Ivana Wey.
Die Schweizer Assistant-Captain Müller lief weiter vors schwedische Tor, kriegte die Scheibe von Wey zurück, nahm sie an und versenkte diese ins hohe rechte Eck. Und dann brachen alle Dämme. Alina Müller entledigte sich von Stock, Helm und Handschuhen und lief zu ihren Teamgefährtinnen um das Husarenstück zu feiern. Und mit dem Team feierte ziemlich sicher die ganze Schweiz. Die Schweiz feiert ihre Bonze-Heldin Alina Müller. Doch wer ist Alina Müller? Wie liefern die Antwort.
Alina Müller kam am 12. März 1998 in Lengnau im Kanton Aargau auf die Welt. Sie machte ihre ersten Erfahrungen im Eishockey beim EHC Winterthur, bei dem sie alle Juniorinnenstufen bis zu den U17 durchlief. Ab 2012 spielte sie parallel bei den ZSC Lions und gewann mit diesem Team im Jahr 2013 die Schweizer Meisterschaft in der Leistungsklasse A. Und dann folgte das erste internationale Husarenstück. Im Januar 2014 hat der damalige Nationaltrainer René Kammerer die Stürmerin Alina Müller im Alter von erst 15 Jahren für die olympischen Spiele in Sotschi nominiert. Sie war damit die jüngste Spielerin des olympischen Eishockeyturniers.
Im Spiel um Platz 3 traf Müller 1:07 Minuten vor Ende der Partie zum 4:2 für die Schweizerinnen gegen Schweden. Dieses Tor war dann am Ende das Entscheidende. Denn Schweden kam noch auf 4:3 heran. Bronze gewannen aber die Schweizerinnen. Für Müller folgten einige Jahre in den Juniorenligen und dann in der obersten Damenliga, wo Müller zu den besten offensiven Spielerinnen der Liga gehörte. Ab der Saison 2018/19 studierte Müller an der Northwestern University in Boston und spielte im Eishockeyteam der Universität, den Huskies. An der gleichen Uni studierten übrigens weitere herausragende Schweizer Eishockeyspielerinnen, nämlich Florence Schelling und Julia Marty.
Nach dem Studienende blieb Alina Müller in den USA und unterschrieb im Mai 2023 ihren ersten Profivertrag bei den Boston Pride. Ein durchaus prophetischer Teamname. „Pride“ heisst „Stolz“. Und ja, die ganze Schweiz ist mittlerweile stolz auf Alina Müller. In der Folge hat man in den USA die PWHL, die Professional Women’s Hockey League, gegründet. Im ersten PWHL-Draft wurde Müller an dritter Stelle vom Team PWHL Boston ausgewählt. Sie spielt heute immer noch in diesem Team.
Alina Müller ist 167 cm gross, spielt in der Center Position und hat eine linke Schusshand. Eine linke Schusshand, die der Schweiz an den olympischen Spielen von Milano-Cortina mit einem Schuss ins rechte hohe Eck die Bronzemedaille gesichert hat. Im Anschluss ans Turnier wurde Alina Müller ins sechsköpfige All Star-Team gewählt. Das ist übrigens nur die Jüngste einer beeindruckenden Liste an Auszeichnungen, die Alina Müller entgegen nehmen durfte.
Doch kehren wir zurück zur italienischen Band „Ricchi e Poveri“. Die italienische Popgruppe Ricchi e Poveri (gegründet 1967/1968 in Genua) erhielt ihren Namen, der übersetzt „Reiche und Arme“ bedeutet, vom römischen Liedermacher Franco Califano. Er scherzte, dass die Bandmitglieder zwar finanziell arm, aber musikalisch und künstlerisch reich seien, was den Namen prägte. Auch da – es kann kein Zufall sein, dass gerade dieser Song beim grossen Triumpf des Schweizer Frauen-Eishockeys, beim grossen Triumpf von Alina Müller über die Lautsprecher lief.
Im Frauen-Eishockey kann man finanziell wohl nicht sehr reich werden. Während bei den Männern in der Schweizer National League oft Löhne von mehreren Hunderttausend Franken bezahlt werden, erhalten Frauen selten existenzsichernde Gehälter. Und auch in der PWHL, wo Alina Müller spielt, werden keine hohen Gehälter bezahlt. Laut Tarifvertrag verdienen die Spielerinnen zwischen 35.000 und über 80.000 US-Dollar pro Jahr. Top-Spielerinnen können mit Boni auch mehr als CHF 80’000 pro Jahr verdienen. Zudem werden Zusatzleitungen wie Krankenversicherung, Altersvorsorge, Mutterschutz und Elternzeit bezahlt.
Kein Vergleich also mit Löhnen wie sie in der NHL an Männer bezahlt werden. Roman Josi zum Beispiel unterschrieb im Oktober 2019 einen 8-Jahresvertrag mit einem Gesamtvolumen von 72.472 Millionen US-Dollar, was einem durchschnittlichen Jahresgehalt von 9.059 Millionen entspricht.
Auch wenn man mit einem Jahressalär der Spielerinnen in der PWHL insgesamt nicht als arm gelten kann, so sind die Top-Spielerinnen im Vergleich mit ihren männlichen Kollegen schon etwas arm. Aber sportlich und Eishockey-künstlerisch ist Alina Müller unfassbar reich. Die ganze Schweiz ist stolz auf sie und das kann man mit Fug und Recht als emotionalen Reichtum bezeichnen. „Sarà perché ti amo“ oder etwas frei auf Deutsch übersetzt: „Das wird der Grund sein, weshalb die Schweiz dich liebt“. Oder um noch ein letztes Zitat von Ricchi e Poveri zu verwenden. 1983 publizierte die Band ihr Album „Made in Italy“. Auch Alina Müllers „Game winning Goal“ ist „made in Italy“ oder präziser „Made for bronze medal in Milano-Cortina 2026“.
Foto: imago