
„Freude herrscht“ in Bern
Der neue SCB gegen den alten HCD. So in etwa könnte der Titel für die heutige zweite Partie der diesjährigen National League Saison lauten. „Neu“ beim SCB, weil die Mannschaft in der Sommerpause massiv umgebaut worden ist. „Alt“ für den HCD, weil der Vizemeister sicherlich auf seine bewährten Stärken zurückgreifen wird. Am Ende des Abend dachten wohl alle wie es alt-Bundesrat Adolf Ogi am 7. August 1992 ausgerufen hatte. „Freude herrscht, Monsieur Nicollier“. Nur dass heute niemand im Weltall, sondern alle entzückt in der Postfiance Arena waren.
Das Intro in der Postfinance Arena hat einige Änderungen erfahren. So findet rund eine Viertelstunde vor Matchbeginn ein Interview für das Publikum statt. Heute stand der Sportdirektor Martin Plüss Red und Antwort. Und dann kommt es zum Einlauf der SCB Stars, wie immer durch Brian Abbey moderiert. Er ist die Legende in Bern, undenkbar, dass ein Spiel ohne ihn beginnt.
Beim Einlauf stellen sich die Spieler nicht mehr auf der blauen Linie auf, sondern rund um den Anspielpunkt, um sich dann beim Einlauf des Gegners und der Schiedsrichter doch noch auf die blaue Linie zu begeben. Und nun konnte sie beginnen, die Heimsaison des SCB. In der Vorbereitung hatten die Mutzen einen guten Eindruck hinterlassen, schossen deutlich mehr Tore als letztes Jahr. Die Hoffnung ist da, dass die Niederlage am Dienstag gegen die ZSC Lions nur eine Ausnahme am Tor einer erfolgreichen Saison war.
Im Tor der Berner war heute Abend Connor Hughes, der im Sommer als Tauschgeschäft mit dem Berner Verteidiger Romain Loeffel von Lausanne nach Bern gekommen ist. In den ersten Minuten gelang es weder dem SCB noch dem HCD, gefährlich vors gegnerische Tor zu kommen. Es sah nach einem gegenseitigen Abtasten aus.
Dies änderte der SCB in der sechsten Minute. bediente der Neuzugang aus Langnau Dario Rohrbach mit einem magistralen Backhandpass den 1.93 m grossen Rodrigo Abols der die Scheibe mit einem Flachschuss zum 1:0 ins Davoser Tor beförderte. „es ist immer schön, wenn man in Führung gehen kann,“ bilanzierte der neue SCB Trainer Serge Aubin nach dem Spiel. Kurz darauf konnte Bern ein erstes Mal in Überzahl agieren. Ein Powerplay, das im Vergleich zur letzten Saison dynamischer wirkt.
Das 1:0 schien den SCB zu beflügeln oder aber den HCD zu lähmen. Das Spielgeschehen verlagerte sich deutlich in die Davoser Defensivzone. Vorerst allerdings noch ohne weiteren Berner Treffer. Auch wenn die Chancen dazu vorhanden gewesen wären. Bern war grad wieder in Überzahl als Davos durch Rasmus Asplund etwas gegen den Spielverlauf einen Shorthander zum 1:1 erzielen konnte.
Die Berner Überzahl lief aber weiter und dann war es Benjamin Baumgartner, der seine Farben erneut in Führung brachte. Dies war der erste sichtbare Unterschied zum SCB der letzten Saison. Damals destabilisierte ein Gegentor die Mutzen jeweils, was hier nicht mehr der Fall zu sein scheint. Das erste Drittel ging mit einem zufriedenen Berner Publikum und einer verdienten 2:1 Führung für den SCB zu Ende. Pause.
Der HCD kehrte unternehmungslustiger vom ersten Pausentee zurück. Und erspielte sich auch die eine oder andere Chance. Bern allerdings wusste diese Unternehmungslust in die Schranken zu weisen und kam seinerseits zu Chancen. Und dann konnte sich auch der Berner Torhüter Hughes auszuzeichnen, als er gegen einen allein auf ihn losziehenden Davoser parieren konnte.
In der 26. Minute bahnte sich der Mann mit der grossen Wasserverdrängung, Rodrigo Abols, einen Weg durch die Landwassertaler Verteidigung. Die Scheibe kam über Merelä zu Sämi Kreis, der mit einem satten Schuss von der blauen Linie das 3:1 erzielen konnte. Sämi Kreis, dies sei für die Statistikfans hier angemerkt, erzielte sein erstes Tor im Berner Dress seit 10 Jahren. „Ich kriegte die Scheibe von Merelä und dann dachte ich Augen zu und drauf hämmern,“ zeichnete der Torschütze Sämi Kreis die Szene nach. Kreis ist vom Spielertyp eher jemand, der noch den zusätzlichen Pass sucht, so bilanzierte auch er selbst auf seine Statistik angesprochen.
„Weisst du noch, wann du dein letztes Tor im SCB Dress geschossen hast“, hakte der Journalist Roman Badertscher nach. „Im SCB Dress muss es sehr sehr lange her sein“, meinte Kreis zutreffend. Es sei in der Saison gewesen als Lars Leuenberger übernommen hat, also in der Saison 2015/16. Und Kreis erinnerte sich sogar, wie das gegangen sei. „Ich meine, Tristan Scherwey hat mir die Scheibe zurückgelegt und ich habe das Tor erzielt.“
A propos Tristan Scherwey, die SCB Legende und der Publikumsliebling sass heute überzählig auf der Tribüne. Oder wie es der Journalist Klaus Zaugg gegenüber dem neuen SCB Coach Serge Aubin ausdrückte: „A legend was a healthy scratch“, oder zu Deutsch: Eine fitte und verletzungsfreie Legende war nicht im Aufgebot. Ob das ein Symbol sei, dass neue Zeiten angebrochen seien. „Nein, überhaupt nicht“, meinte Serge Aubin, „wir sind eine gesunde Gruppe, wir haben viele Spieler und so müssen wir schwierige Entscheide treffen“. Und weiter: „I mean, Tristan is a great player, he is a little bit of a legend here. But he is fully on board“. Aubin treffe seine Entscheide vor jeder Partie, auch im Falle von „little bit of a legend.“
Der SCB erhöhte in der 33. Minute durch den Verteidiger Ian Mitchell zum 4:1. 4:1 nach 33 Minuten, das ist ein Resultat, was man in Bern seit langer Zeit nicht mehr gesehen hat.
Womit wir bei den sichtbaren Unterschieden Nummer 2 und 3 zur letzten Saison wären. Bern spielt konsequenter und vor allem schneller nach vorne, Unterschied Nummer 2, und verfügt über eine solidere Defensive, Unterschied 3. Bern verfügt insbesondere über ein gutes defensives Stellungsspiel, was gegen schnell spielende Teams wie Davos Gold wert ist.
Kurz vor Ende des zweiten Drittels geriet Bern zum ersten Mal in Unterzahl. Davos zog zwar sein übliches, schnelles Powerplay auf, Bern widerstand aber bis zum Ende des zweiten Drittels. 4:1 Bern. Pause.
Bern war zu Beginn des dritten Drittels deutlich überlegen und nichts deutete darauf hin, dass die Davoser die Partie noch würden drehen können. Die neue Handschrift des ebenso neuen SCB Trainers Serge Aubin war deutlich sichtbar. Und einige Neuzuzüge erwiesen sich als Gewinn. Dazu gehört zum Beispiel der 26-jährige Davyd Barandun, der auch diese Saison hin von Davos gekommen ist. Er überzeugte heute und hatte mit seinen zwei Toren auch bereits am letzten Dienstag in Zürich gefallen.
In der 50. Minute gerieten die Berner für eine Minute in doppelte Unterzahl. Und dann stieg der Adrenalinpegel in der Halle doch noch. Bern konnte die Scheibe befreien, dort stand aber der Linienrichter und hielt die Scheibe im Berner Verteidigungsdrittel, worauf die Davoser ihr zweites Tor des Abends erzielen konnten. Sehr unglücklich, nach dem Regelwerk ist der Schiedsrichter aber Luft und damit war das Tor regulär.
Davos musste nun logischerweise alles nach vorne werfen. Bern blieb aber mit Kontern gefährlich. Und baute auf seine defensive Stabilität. Und selbstverständlich auf seine offensive Durchschlagskraft, welche in der 58. Minute durch Dario Rohrbach zum entscheidenden 5:2 führte. Dies umso mehr als Davos 95 Sekunden vor Schluss ein weiteres Mal in Unterzahl geriet.
Der neue SCB gewinnt mit 5:2 und die Fans sind begeistert. So laute Fangesänge hat man in Bern schon lange nicht mehr gehört. Die logische Frage geht an Benjamin Baumgartner. 5:2, das hättest du vor dem Spiel dankend unterschrieben. „Ich glaube schon, ja, Unsere Leistung war über 60 Minuten sehr gut. Heute hammer verdient, dassmer drei Punkte habn“, meinte er mit seinem wunderbaren österreichischen Akzent. Auch der Trainer Serge Aubin hatte ein im Vergleich zum Spiel in Zürich verändertes Team gesehen. „Die Jungs haben gut geantwortet. Ich weiss nicht, ob es in Zürich an den Nerven lag, aber heute haben alle über die gesamten 60 Minuten ihren Job gemacht“.
Im dritten Drittel verwaltete der SCB seine Führung hervorragend. Oder wie es Serge Aubin ausdrückte. „Wenn wir in Führung sind, wollen wir die Scheibe gut managen und das taten wir heute Abend.“ Der SCB hat heute Abend gezeigt, dass er in der Tat der „neue SCB“ ist. Nach 5 Minuten des Abtastens ging man in Führung, liess ich auch durch den zwischenzeitlichen Davoser Ausgleich nicht aus dem Konzept bringen und brachte den Sieg problemlos über die Zeit. Dazu der Torschütze Sämi Kreis: „Wir haben uns viel vorgenommen, nach dem 1:1 kam auf der Bank keine Unruhe auf, denn wir wussten, was wir über 60 Minuten tun mussten.“
Genau das charakterisiert den neuen SCB. Er weiss, was zu tun ist, er spielt gradlinig nach vorne, er verteidigt konzentriert und er lässt sich durch temporäre Rückschläge nicht aus dem Konzept bringen. Die Methode Serge Aubin ist in Bern angekommen. Und dass die Methode Aubin funktioniert, hat man bei den Eisbären Berlin eindrücklich gesehen. In der letzten sechs Saisons sind sie fünf Mal Meister geworden. Bern hat heute Abend seine Fans verzückt, die Hoffnung ist zurück in Bern. „Freude herrscht“, würde er sagen, Adolf Ogi.
Best player:
Bern: Dario Rohrbach
Davos: Rasmus Asplund
SC Bern – HC Davos 5:2 (2:1|2:0|1:1)
Tore:
1:0 | 6.|Rodrigo Abols (Rohrbach)
1:1 |13.|Rasmus Asplund (Corvi, Frick)
2:1 | 14.|Benjamin Baumgartner (Rohrbach, Dionicio)
3:1 | 26.|Samuel Kreis (Merelä, Abols)
4:1 | 33.| Ian Mitchell (Merelä)
4:2 | 52.|Simon Ryfors (Corvi, Egli)
5:2 | 58.|Dario Rohrbach (Barandun, Baumgartner)
Zuschauer:
16’217 Zuschauer
Postfinance Arena Bern
Foto: Marija Diepold