
Die Wende, die niemand mehr für möglich hielt
Es gibt Momente, in denen man gezwungen wird, journalistisch das Stilmittel der Polemik einzusetzen. Und heute ist so ein Moment. eishockey-online.ch tut das hier ganz bewusst. Und die Polemik fängt bereits im Titel dieses Artikels an. Um die Polemik zu verstehen, müsst ihr den Artikel ganz lesen. Denn am Schluss des Artikels wird Louis Füllemann (Foto) Hoffnung versprühen.
Mike Sgarabossa, der kanadische Neu-Zuzug bei Bern war heute „in der Vogelperspektive“, wie es der Berner Sportchef vor der Partie bezeichnete. Sgarabossa war vom heutigen Gegner her gekommen, also von Lugano. Ob er denn nicht spiele, weil man das mit Lugano so vereinbart habe? „Nein“, lautete die klare Antwort des Sportchefs Diego Piceci.
Ein anderer Prominenter, der bei Bern unter Vertrag steht, wurde heute in den Postfinance Arena auch gesichtet. Torhüter Christof von Burg nämlich. Unsere Kollegen von hockeyfans hatten letzte Woche die Berner „Torhüter-Sinnfrage“ gestellt. Warum lässt der SCB von Burg beim HC Thurgau in der Swiss League „versauern“? Denn von Burg hat bei Thurgau hervorragende Werte und er ist Schweizer und beansprucht damit keine Ausländerlizenz. Die Berner Verantwortlichen liessen sich letzte Woche ob all diesen Torhüter-Fragen allerdings (noch) nicht in die Karten blicken.
Die heutige Präsenz von Burgs zeigt nun aber deutlich, dass Bern Überlegungen zur Torhüterfrage anstellt. Denn warum sollte von Burg heute in der Postfinance Arena anwesend gewesen sein, wo doch Thurgau gleichzeitig eine Heimpartie spielt? Nicht ausgeschlossen oder eigentlich sehr wahrscheinlich, dass man bei Bern die Rückkehr von Burgs noch vor Saisonende plant, um eine Ausländerlizenz frei zu spielen. Denn der Zuzug Mike Sgarabossas zeigt deutlich, dass man in Bern mit sechs ausländischen Feldspielern plant.
Das erste Drittel war mittlerweile 13 Minuten alt und bisher hatte die Partie ohne wirkliche Gefahr hin und her geplätschert. In der 14. Minute war zwar auch nicht die riesige Gefahr vorhanden, trotzdem eröffneten die Luganesi durch ihren Topscorer den Torreigen. Und keine zwei Minuten später erhöhte Lugano zum 0:2. Beide Tore waren nicht unhaltbar gewesen. Was die Diskussion um den bisher in dieser Saison allerdings untadeligen Adam Reideborn gerade an diesem Abend noch etwas befeuerte.
Und so endete das erste Drittel wieder ohne Berner Tor. Der SCB hatte bis zu diesem Zeitpunkt im Jahr 2026 in der Postfinance Arena – inklusive Penaltyschiessen – noch kein einziges Tor erzielt. Auch das ein Argument, um sich bezüglich der Torproduktion und der „Verschwendung“ einer Ausländerlizenz für einen nicht überragenden Torhüter Überlegungen zu machen.
Insofern sei dem Chronisten eine kleine Polemik erlaubt. Gut möglich, dass der Torhüter Adam Reideborn heute seine letzte Partie für den SCB bestritt. Denn Sgarabossa werde, so Sportchef Diego Piceci, morgen Samstag das erste Mal im Aufgebot sein. Insofern dürfte das Torhüterduo morgen Zurkirchen/von Burg heissen. der Polemik vorläufiges Ende. Zurück zum Spielgeschehen.
Spielgeschehen, das für Bern zu einem weiteren Gegentreffer führte. Dario Simion hatte in der 25. Minute zum 0:3 erhöht. Einzelne Pfiffe ertönten, bevor die Stehplatztribüne wieder zu Gesängen überging. Gesänge, welche mehr eine Hoffnung als eine Freude ob der Berner Leistung symbolisierte. Eine Berner Leistung, die effektiv Fragen aufwirft. Miro Aaltonen zum Beispiel. Er kam vor einem Jahr als Topscorer von Kloten nach Bern und ist aktuell nicht mehr als ein Mitläufer ohne Einfluss auf das Spiel.
Aber Berns Misere liegt bestimmt nicht an einem einzigen Spieler. Bern funktioniert bisher als Team nicht. Und manchmal – so bestimmt die Hoffnung der singenden Fans – manchmal braucht es nicht viel, um ein Team zu stabilisieren. Die eine oder andere gelungene Aktion und eben – hier wieder Polemik on – die Rückkehr von Christof von Burg und damit die Möglichkeit, einen sechsten ausländischen Feldspieler einzusetzen.
Und spinnen wir diese Idee weiter. Morgen Samstag, beim Spiel in Zürich gegen die ZSC Lions wird im Tor das Duo Zurkirchen / von Burg aufgestellt. Mike Sgarabossa rückt an Miro Aaltonens Stelle als Center der ersten Sturmlinie und in der Verteidigung ersetzt Alexandr Iakovenko den ab und an mal unglücklich agierenden Simon Kindschi. Zweites Drittel vorbei. Immer noch kein Berner Tor im 2026. Das Warten ging weiter – nicht auf Godot – sondern auf die personellen Veränderungen morgen.
Warten auf Godot (Originaltitel: En attendant Godot) ist ein absurdes Theaterstück von Samuel Beckett, in dem die Landstreicher Wladimir (Didi) und Estragon (Gogo) an einer Landstraße auf einen Mann namens Godot warten, der Erlösung verspricht, aber nie erscheint. Oder auf den SCB umgemünzt. Was man heute sah, war ein einigermassen absurdes Eishockeyspiel. Die Berner Fans warteten auf die Erlösung, die morgen in Zürich kommen möge. Polemik off.
Das Warten auf ein Berner Tor ging indes weiter. Und schlimmer noch. Lugano erhöhte in der 46. Minute durch Sekac auf 0:4. In den beiden bisherigen torlosen Heimspielen hatte man sich an der Hoffnung festhalten können, deutlich mehr Torschüsse gehabt zu haben. Und das war irgendwie auch heute so. In dem Sinne, und um wieder mit Filmtiteln zu operieren: „Nichts Neues im Westen“ oder im Originaltitel: „All quiet on the western front“. Wobei es aktuell im Umfeld des SCB alles andere als ruhig zugehen dürfte.
Insgesamt tat man sich während des ganzen Spiels nicht sehr weh. Beleg dafür ist, dass die erste und einzige Strafe des Spiels erst in der 54. Minute gegen Lugano ausgesprochen werden musste. Und da war es dann doch noch. Das erste Berner Tor des Jahres 2026. Der Berner Postfinance Topscorer Victor Ejdsell hatte in der 56. Minute zum 1:4 getroffen. War das vielleicht die *Farbe der Hoffnung“?
„Die Farbe der Hoffnung“ wird oft als Titel von Dokumentationen über soziale Brennpunkte verwendet. Wir sind aktuell in der Postfinance Arena Zeugen eines sportlichen Brennpunktes. Oder um es zusammenfassend mit Louis Füllermann zu sagen. „Schwierig“. Trotz aller nüchternen Analyse verlor Louis Füllemann die Hoffnung nicht. „Wir hatten in den letzten paar Wochen einen Aufwärtstrend, aber heute kamen die Pässe nicht richtig an. Und so ist es schwierig zu gewinnen.“ Irgendwie sah es von aussen gesehen heute etwas lustlos aus, ohne irgendeinem Spieler Lustlosigkeit vorwerfen zu wollen. Dazu nochmal Louis Füllemann: „Gegen Schluss war sicher auch viel Frust dabei, weil uns nicht viel gelungen ist.“
Nehmen wir mal an, der SCB ist heute am Tiefpunkt angelangt. „Wir geben nicht auf, auch dann nicht, wenn das Resultat gegen uns spricht. Wir kämpfen, wir bewegen unsere Beine und jeder geht für jeden. So muss das in einem Team sein in dieser Situation und das wird uns aus der Krise raustragen.“ Auf die Frage des Chronisten, ob kleine Erfolgserlebnisse zur Besserung führen könnten, antwortete Füllemann kurz und präzis. „Ja, sicher.“ Aufgabe des Coaching Staff muss es nun sein, für diese Erfolgserlebnisse zu sorgen.
Und drum ertönt hier des Chronisten zusammenfassende Forderung nochmals. Morgen in Zürich muss das Torhüterduo Zurkirchen / von Burg, heissen. An Adam Reideborns Stelle wird Mike Scarabossa spielen. Scarabossa wird Miro Aaltonen ersetzen, der seinerseits die Ausländerlizenz an Alexandr Iakovenko übergibt. Iakovenko soll in der Verteidigung Simon Kindschi ersetzen. Die Wende, die niemand mehr für möglich hielt, gab es heute nicht. Aber wer weiss, vielleicht gibt es sie morgen. Ein Zuschauer meinte nach dem Spiel: „Es ist wie ein Orchester, in dem alle mit anderen Noten, und damit nicht zusammen spielen.“ Die punktuellen Anpassungen könnten zu Erfolgserlebnissen und damit zur Wende, die niemand mehr für möglich hält, führen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, auch das ein bekannter Filmtitel.
Best Player:
Bern: Anton Lindholm
Lugano: Jiri Sekac
SC Bern – HC Lugano 1:4 (0:2 | 0:1 | 1:1)
Tore:
0:1 | 14.| Luca Fazzini (Canonica, Sanford)
0:2 | 16.| Connor Carrick (Peltonen)
0:3 | 25.| Dario Simion (Thürkauf, Alatalo)
0:4 | 46.| Jiri Sekac (Perlini, Müller)
1:4 | 56.| Victor Ejdsell (Lehmann, Loeffel)
Zuschauer
14’854 Zuschauer
Postfinance Arena
Foto: Marija Diepold