
Ein offener Brief für Dich, lieber Jürg Fuhrer
Lieber Jürg
du erlaubst, dass ich Dich duze. Wir haben ja die gleiche Leidenschaft. Was mich betrifft: ich habe seit den frühen 80er-Jahren ein Jahresabo beim SCB. Insofern ist der SCB für mich eine Herzensangelegenheit. Du sagtest das in Deiner Videobotschaft bei Deiner Präsentation im Januar. Mit drei Jahren hast du mit deinem Grossvater den ersten SCB-Match erlebt. Das war also 1976. Deine Leidenschaft für den SCB ist somit noch älter als die Meine. Und deshalb wage ich zu sagen bzw. zu schreiben: Jürg, wir müssen reden!
„Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft“, so ein bekanntes geflügeltes Wort. Nein, um Eifersucht geht es beim SCB aktuell nicht. Der SCB ist aber im Moment eine Leidenschaft, die mit Eifer Lösungen suchen sollte, was seit Jahren sehr viel Leiden geschaffen hat. Es war in der abgelaufenen Saison derart schlimm, dass sich Dein Vorgänger, Marc Lüthi, genötigt sah, sich – auch mit Ansprache per Vorname – bei jedem Abo-Besitzer für die schlechte Saison zu entschuldigen. Marc schreibt: „Wir werden diese Niederlage und die gesamte Saison schonungslos aufarbeiten. “ ja, lieber Jürg, die schonungslose Aufarbeitung wird jetzt Dein Job sein. Erlaube mir deshalb die folgenden Zeilen. Diese sind teilweise durchaus polemisch, ich möchte sie aber als konstruktive Polemik verstanden wissen.
Eine konstruktive Polemik, deren inhaltliche Basis auf einem Sport-Massagetisch in Bern ihren Ursprung hat. Der Masseur, der lange Zeit im Eishockey gearbeitet hat, unterhielt sich mit dem Chronisten, der eine Sportmassage erhielt. Entstanden sind interessante Erkenntnisse und Schlussfolgerungen. Ein anderer Chronist, Klaus Zaugg, der Eismeister bei watson, schaut auch auf die Entschuldigung von Marc, die er einen „Hirtenbrief“ nennt.
Früher, als Marc Lüthi noch der wahre Marc Lüthi war, hätte eine Saison wie die vergangene nicht mit einem «Hirtenbrief» geendet. Sondern mit personellen Korrekturen. Martin Plüss, der den Zerfall der SCB-Sportkultur auf allen Ebenen zu verantworten hat, wäre nicht mehr im Amt.
Und an Dich adressiert, lieber Jürg, meint der Eismeister weiter:
Seinem Nachfolger Jürg Fuhrer überlässt er immerhin ein Erbe: Sollte die kommende Saison ähnlich enttäuschend verlaufen, kann Marc Lüthis Hirtenbrief – damit es nicht gleich auffällt vielleicht mit ein paar stilistischen Änderungen – erneut verschickt werden.
Jetzt übernimmst Du, Jürg, also am 1. Mai das Ruder. Der letzte Meistertitel liegt mittlerweile 7 Jahre zurück. Wir schrieben das Jahr 2019. Danach begann der Abstieg des SCB. Und es lohnt sich, eine kleine Ursachensuche anzugehen. Klar, wenn es dem Team nicht läuft, sind zuerst mal die Spieler und dann sicherlich auch der Trainer-Staff in der Verantwortung. Aber Spieler und Trainer-Staff werden durch die sportliche Führung verpflichtet. Bis 2021 gab es beim SCB einen Hauptverantwortlichen, der als CEO auch die wichtigen Entscheide im Sport verantwortete. Marc Lüthi.
Im Frühling 2020 verpflichtete Marc Lüthi die junge Florence Schelling als Sportchefin. Ein Jahr später, im Frühling 2021, gingen Schelling und der SCB wieder getrennte Weg. Und genau auf diesen Zeitpunkt fällt die Erfindung des Ober- und Untersportchefs. Es war und ist Klaus Zaugg, der Eismeister von watson, der das so nennt. Und diese Bezeichnung kann man durchaus als zutreffend bezeichnen. Statt, dass eine Person die Verpflichtungen verantwortet, gab und gibt es heute immer mindestens noch deren zwei, die sich koordinieren müssen. Und dann dürften die beiden wohl immer noch das Einverständnis der Chefetage abholen müssen. Ein langer und komplizierter Entscheidungsweg, der – wie sich heute zeigt – zu Lethargie und auch Lähmung führt.
Also, im Frühjahr 2021 kam Raeto Raffainer als Obersportchef und der SCB verpflichtete seinen früheren Stürmer Andrew Ebbett als Untersportchef. Im September 2022 wurde Raffainer dann zum CEO befördert. Marc Lüthi hatte sich auf die Funktion des Verwaltungsratspräsidenten zurückgezogen. Nur ein halbes Jahr später, im Frühling 2023, trennte sich der SCB von Raeto Raffainer und Lüthi übernahm wieder als CEO. Welche Gründe zu dieser schnellen Trennung führten, ist nicht überliefert. Wer Marc Lüthi aber kennt, weiss, dass er seine Gründe für dieses schnelle Handeln gehabt haben wird.
Eines hat Lüthi damals aber leider nicht geändert. Er hielt an der Logik des Ober- und Untersportchefs fest. Denn im Sommer 2023 stieg Martin Plüss zunächst als Berater im Hintergrund beim SCB ein. Plüss wurde dann am 1. Mai 2024 zum Sportdirektor ernannt, zum Obersportchef also. Seither hat Plüss mehrere Funktionäre rund um die erste Mannschaft aber auch in der Juniorenabteilung entlassen. Das bringt immer wieder operative Hektik ins Unternehmen. Und Hektik ist nie ein guter Ratgeber. Der erste Entlassene war Andrew Ebbett im Frühling 2024, also gleichzeitig mit Plüss‘ offizieller Amtsübernahme. Ersetzt wurde Ebbett durch Patrik Bärtschi. Bärtschi war – so munkelte man – ein guter Bekannter von Plüss. Doch auch das nützte ihm nicht viel. Bärtschi musste nach einem Jahr wieder gehen.
Ersetzt wurde Bärtschi durch Diego Piceci. Der watson-Eismeister Zaugg schrieb im Sommer 2025 zu dieser Ernennung Folgendes:
Diego Piceci wird erfolgreich sein, wenn es ihm gelingt, die Entscheidungsfindung in der Sportabteilung zu dynamisieren und zu «entpolitisieren».
Und genau das ist Piceci auch gelungen. Er ging – zumindest gegen aussen sichtbar – mehrere Baustellen an. Zum Beispiel konnte er im Januar 2026 den Center Mike Sgarbossa verpflichten. Sgarbossa lieferte in den ersten Partien gute Leistungen. Piceci ging auch die komplizierte Torhütergeschichte an. Der SCB zählt mit Reideborn, Zurkirchen, von Burg und Henauer gleich vier Torhüter in seinen Reihen. Zudem mit Reidebon einen Torhüter, der eine Ausländerlizenz braucht. Piceci beorderte im Januar 2026 den talentierten Torhüter Christof von Burg von Thurgau zurück zum SCB. Die Idee war bestimmt, dass von Burg – nach den hervorragenden Leistungen bei Thurgau – beim SCB Spielpraxis erlangen sollte, um mit ihm die nächste Saison zu planen.
Und so lange Piceci (Unter-)Sportchef beim SCB war, konnte man immer mal wieder Gerüchte über mögliche Trainer für die nächste Saison lesen. Das beweist, dass Piceci am Thema dran war. Zum Beispiel wurde immer mal wieder der Name von Lars Leuenberger herumgeboten. Dann aber geschah das, was man im Nachhinein betrachtet als Kulminationspunkt oder höchste Eskalationsstufe einer völlig gescheiterten Strategie bezeichnen muss. Diego Piceci wurde entlassen. Nicht Piceci allein ist die höchste Eskalationsstufe, aber seine Entlassung zeigt, dass es im SCB nach wie vor Kräfte gibt, die mit Gewalt an der gescheiterten Strategie festhalten wollen. Piceci war viel zu dynamisch und politisch wohl unkorrekt bzw. unerwünscht. Drum musste er das Feld räumen.
Und seither herrscht wieder Ruhe im Gebälk des SCB. Es gibt verschiedene dramatisch laute Beispiele für diese Ruhe:
- Mike Sgarbossa kam nach der Olympiapause kaum mehr zum Einsatz. Er dürfte sicher versucht haben, sich für die nächste Saison zu empfehlen. Doch es war offensichtlich. Trainer Heinz Ehlers und Mike Sgarbossa waren sich gegenseitig wohl nicht wohl gesonnen. Oder ums anders – und auch etwas polemisch – zu formulieren. Sgrabossa passte wohl nicht ins defensive Konzept von „Beton Hene“. Insofern hat man beim SCB entweder nicht mit Sgrabossa geredet oder man wollte ihn schlicht nicht behalten. Egal wie es war: Sgarbossa spielt nächste Saison wohl bei den Rapperswil Jona Lakers.
- Offenbar wird Victor Ejdsell, immerhin der Topscorer, nächste Saison nach Schweden zurück kehren.
- Bezüglich dem Thema Trainer für die nächste Saison ist die Ruhe geradezu ohrenbetäubend. Ende April oder Anfang Mai will Martin Plüss kommunizieren. Viel zu spät.
- Und in der Torhüterfrage hält sich Martin Plüss aktuell „alle Optionen offen“. Inzwischen hat man Christof von Burg auf der Tribüne versauern lassen und allen Torhüter immer noch nicht gesagt, ob man auf sie baut. Strategisch kluge Führung sieht anders aus.
Das dramatische Fazit
Aus alledem, lieber Jürg, ergibt sich nur ein sinnvolles Fazit. Du musst sofort eingreifen. Du musst dieser, nennen wir es mal bildhaft, galoppierenden Lethargie so schnell wie nur möglich Einhalt gebieten. Denn die Korrektur der gescheiterten Strategie wird Zeit brauchen. Und die wichtigste Korrekturmassnahme ist mehr als nur offensichtlich. Weg mit der „doppelten“ Position des Ober- und Untersportchefs. Der SCB braucht als Sportchef eine einzige Person, die über die nötigen Entscheid-Kompetenzen verfügt, um schnell entscheiden und damit Spieler und Trainer verpflichten zu können.
Wir wollen keine Namen nennen, sondern einfach nur Kriterien für einen „guten Sportchef“ auflisten. Dieser muss gut vernetzt, schnell, entscheidungsfreudig, handlungs- und strategieorientiert und vor allem durchsetzungsfähig sein. Und Du, lieber Jürg, musst die Durchsetzungsfähigkeit des Sportchefs stützen. Es ist eigentlich ganz einfach: Um den SCB wieder konkurrenzfähig zu machen, braucht es genau das Gegenteil dessen, was wir seit 7 Jahren beobachten. Die Strukturen müssen so schnell wie möglich angepasst werden und es wird Leute brauchen, welche die neuen Strukturen mit Leben füllen und gewillt sind, den SCB aus der – wie ich es weiter oben nannte – galoppierenden Lethargie zu befreien.
Oder zusammenfassend, lieber Jürg: Du musst dafür sorgen, dass der SCB über Strukturen verfügt, in denen kompetente Personen erfolgreich agieren können. Und du musst dafür sorgen, dass jene Personen entmachtet werden, die bisher und heute immer noch meinen, dass Strukturen lediglich dem persönlichen Machterhalt zu dienen haben.
Ich wünsche Dir viel Erfolg dabei sowie viel Eifer bei der Suche nach den kompetenten Menschen. Und ich würde mich riesig freuen, wenn Du Erfolg hast. Auf dass unsere gemeinsame Leidenschaft keine Leiden mehr schaffen möge. Hopp SCB!
Herzliche Grüsse
Valentin
Foto: Roman Badertscher