
Wegen Schongang zur Niederlage
Gegen Ajoie haben die Berner immer Mühe. Und so erging es auch heute dem doch neuen SCB. Die Jurassier haben einen sehr guten Gameplan und halten diesen minutiös ein. Und dann hatten sie mit Anttoni Honka noch einen Doppeltorschützen in ihren Reihen, der vor allem mit seinem zweiten Tor ein bisschen Magie in die Postfinance Arena zauberte. Auch Marco Müller (Foto) zauberte ein schönes Buebetrickli aufs Eis.
Ajoie, das bisher 5 Punkte aus vier Partien gesammelt hat, traf heute Abend in der Postfinance Arena auf den SCB, der nach 6 Punkten aus 3 Spielen aktuell auf Platz 5 liegt. Selbstverständlich sagt die Tabelle bisher nicht viel oder vielleicht auch gar nichts aus, Was man aber bisher in Bern gesehen hat, stimmt zuversichtlich. Die neue, erfolgreiche Handschrift des Neo-Trainers bei Bern, Serge Aubin, ist deutlich erkennbar.
Heure gab übrigens auch der neue SCB-Ausländer Sonny Milano seinen Einstand in der heimischen Arena. Er, der die letzten zwei Spiele krankheitshalber verpasst hatte. Ein weiterer Spieler, er mit Legendenstatus, der heute in die heimische Arena zurückkehrte, war Tristan Scherwey. Er hatte das erste Heimspiel noch von der Tribüne aus mitverfolgen müssen.
In der 6. Minute kam es zum ersten richtigen Aufreger, aus Berner Sicht im wahrsten Sinn des Wortes. Man liess den Ajoulos deutlich zu viel Platz, den Anttoni Honka mit einem Schuss von der blauen Linie zu nutzen wusste. Die gesamte Berner Hintermannschaft sah da nicht gut aus. Bern brauchte einen Moment, um sich zu fangen. So zumindest hofften das die auch diese Woche wieder recht zahlreichen Fans der Mutzen.
Die Hoffnung der Fans wurde in der 9. Minute erfüllt. Marco Müller schnappte sich in der Ecke die Scheibe, fasste sich ein Herz, zog hinter dem Tor durch, um den Jurassier Torhüter Noah Patenaude mit einem Buebetrickli zum 1:1 zu erwischen. Bern offenbarte weiterhin Lücken in der Defensive, konnte aber auch immer mal wieder offensive Akzente setzen. Doch eben: es setzte am Schluss eine recht unnötige Niederlage ab, was Marco Müller unumwunden bestätigte. „Ja, das ist gut zusammengefasst,“
So wie in der 15. Minute als Louis Füllemann das vermeintliche 2:1 erzielte. Vermeintlich, weil die Schiedsrichter die Szene recht lange auf einen möglichen hohen Stock überprüften. Die Frage war, hatte der SCB-Spieler Miro Aaltonen mit dem etwas hohen Stock die Scheibe noch abgelenkt.
Die Schiedsrichter kamen zum gleichen Schluss wie die Chronisten auf der Medientribüne. berührt ja, aber kein hoher Stock deswegen *good Goal“ durch Aaltonen. Kurz vor Ende des ersten Drittels geriet der SCB in Unterzahl. Ajoie liess die Scheibe gut in den eigenen Reihen zirkulieren, ohne allerdings zu wirklich zwingenden Chancen zu kommen. Trotz dieser zwischenzeitlichen Führung brachten die Berner den Sieg nicht über die Zeit. „Wir brachten die Scheibe nicht schnell genug hinter ihre Verteidigung und konnten sie nicht genug unter Druck setzen.“
Und so ging das erste Drittel mit einem aus Berner Sicht erhofften Resultat zu Ende. 2:1 Bern, Pause. Das erste Drittel war indes was die Anzahl Abschlüsse betrifft, absolut ausgeglichen. 8:8, so diese Statistik. In der 22. Minute ereignete sich eine etwas skurrile Szene. Miro Aaltonen hatte geschossen und war sich sicher. Tor! Und entsprechend jubelten die Berner, was sich aber als falsch erweisen sollte.
Ajoie spielte zu Recht weiter, denn die Scheibe war am Pfosten abgeprallt. Was die Schiedsrichter auch zwei Minuten später anhand der Videobilder überprüften. Bern überstand in der Folge eine weitere Unterzahlsituation, die man sich wegen zu vielen Spielern auf dem Eis eingehandelt hatte. 4.55 Meter pro Quadratsekunde. So lautet die maximale Beschleunigung von Marco Lehmann.
Du kannst Dir darunter nichts vorstellen? Und fragst dich, was eine Quadratsekunde ist? Egal, der Chronist weiss es auch nicht, ausser dass es bestimmt eine krasse Beschleunigung ist. Da das Spiel weiterhin etwas hin und her plätscherte, blieb auch Zeit, das Mysterium der Quadratsekunde zu lösen.
Die Quadratsekunde – so google – gibt an, um wie viel sich die Geschwindigkeit (in Meter pro Sekunde) in jeder einzelnen Sekunde ändert. Und damit wird klar. Marco Lehmann erreicht mit dieser Beschleunigung eine Geschwindigkeit von 30 km/h in ganz genau 1.83 Sekunden. Könnte Lehmann bis auf 100 km/h beschleunigen, würde er nach 6.1 Sekunden hundert Stundenkilometer schnell sein.
Diese ganze Berechnung führt zu gleichen Schluss wie zuvor. Marco Lehmann verfügt über eine beeindruckende Beschleunigung. Auch wenn die Beschleunigung – und das sei hier physikalisch dank einem lieben Zuschauer noch angefügt – auf Eis einfacher ist als auf Asphalt. Denn die Kufen der Schlittschuhe produzieren Hitze, lassen das Eis schmelzen, was Wasser produziert und damit die Beschleunigung vereinfacht. Und ob der ganzen Mathematik und Physik sei noch angemerkt, dass Ajoies vermeintlicher Ausgleich wegen Offsides aberkannt worden ist. 1 Minute vor Ende eines jeden Drittels gibt der Speaker dies bekannt.
Geri Ryser, die langjährige Stimme von Bern – er ist seit über 30 Jahren im Amt – hatte professionell einige Sekunden vorher seinen Satz begonnen, als die Schiedsrichter die Partie unterbrachen. 1:01 Minuten vor Ende des zweiten Drittels. Was Ryser geistesgegenwärtig wahrnahm und den Satz mit „duuret no 1 Minute und 1 Sekunde“ beendete.
2:1 Bern, Pause. Auch da zeigte Ryser mit der üblichen Werbedurchsage seine Eloquenz. „Wenns e Gou hätti gäh, wo zeut hätt, de wär das kes Problem gsy….“ Genau so war es, flaues zweites Drittel, keine Tore. In der Pause spekulierte ein Zuschauer auf den Titel des heutigen Berichts. „Im halben Schongang zum Sieg“, so der Vorschlag. Wieso nicht, dachte der Chronist. Das flaue zweite Drittel wäre mit diesem Titel hervorragend umschrieben.
In der 48. Minute entwischte Anttoni Honka – wieder er – der schlecht disponierten Berner Verteidigung und erzielte mit einem Kunstschuss den Ausgleich für die Jurassier. Die Berner Gastgeber waren wieder gefordert, einen Zacken zuzulegen. Und das taten sie denn auch. Der SCB erhöhte das Tempo und spielte wieder gradliniger Richtung Tor.
Zudem kamen die Berner zu ihrer ersten Überzahlsituation. Das Berner Powerplay war nicht berauschend und führte folgerichtig zu keinem Tor. Auch, wenn man kurz vor Schluss des Powerplays doch noch zu Chancen kam. Und so blieben dem SCB noch gut drei Minuten, um doch noch in der regulärem Spielzeit zum Sieg zu kommen.
Der SCB kam dann genau eine Minute vor Ende der regulären Spielzeit nochmals zu einer Gelegenheit im Überzahl. Bern brachte die Scheibe in dieser Minute einige Male aufs Tor, aber nicht ins Tor. Womit es in die Verlängerung ging, in der die Berner eine weitere Minute in Überzahl würden spielen können. In der Overtime dann mit 4 gegen 3 Feldspieler.
In Überzahl erzielte Bern kein Tor. Und auch sonst konnte man hüben wie drüben keine wirkliche Gefahr vors gegnerische Tor bringen. Bis, der geneigte Leser ahnt es, ja bis Ajoie 26.3 Sekunden vor Schluss den 2:3 Siegtreffer erzielte. „Jede Niederlage ist unnötig“, bilanzierte Waltteri Merelä nach dem Spiel. Spiele gegen Ajoie sind, das hat die letzte Saison gezeigt, sind immer schwierig. „Sie sind ein sehr gut gecoachtes Team und sie spielen immer so, wie sie spielen wollen“, sandte der SCB-Captain ein Lob in Richtung Ville Peltonen, den Coach der Jurassier.
Auch Marco Müller suchte die Begründung für die Niederlage nicht beim Gegner, sondern nahm das eigene Team in die Pflicht. „Wir müssen schauen, dass wir unseren Job machen. Wir müssen immer nahe beieinander sein, einander helfen und dann sind wir extrem gut.“
„Heute war eine gute Lehrstunde“, erklärte Serge Aubin. „Wir waren mit der Scheibe nicht gut, wir konnten sie nicht in die Defensive drängen“, resümierte der SCB-Trainer völlig zutreffend. „Wir müssen lernen und einen Schritt vorwärts machen.“ Womit wir wieder beim möglichen Titel für diesen Bericht wären, den ihr ja schon gelesen habt und der sich ableitet von der Idee des Zuschauers. Dieser Titel lautet für heute eben nicht „Im halben Schongang zum Sieg“, sondern „Wegen Schongang zur Niederlage“. Zu hoffen bleibt, dass der SCB diese Lektion gelernt hat.
Marco Müller hat bereits heute seine Lektion gelernt und weiss, was man nächstes Mal besser machen muss. „Wir müssen das Tempo hoch halten, hinter ihre Verteidigung spielen, forechecken und so unsere Chancen kreieren“. Auf dass der Schongang überwunden werde.
Best player:
Bern: Marco Müller
Ajoie: Anttoni Honka
SC Bern – HC Ajoie 2:3 nV (2:1|0:0|0:1|0:1)
Tore:
0:1 | 6.| Anttonni Honka (Zgraggen, Cormier)
1:1 | 9..|Marco Müller (Lehmann)
2:1 | 15.|Miro Aaltonen (Füllemann)
2:2 | 48.|Anttoni Honka (Sopa)
2:3 | 65.| Kristian Tanusl (Honka, Carr)
Zuschauer:
14’605 Zuschauer
Postfinance Arena Bern
Foto: justpictures.ch