Von Gotthelf, Büchern, Siegen und Hoffnung

von 10.Oktober 2026National League

Bern hatte vor dem heutigen Spiel viermal hintereinander verloren. Manch Einer in Bern befürchtete das Schlimmste, will heissen wieder eine Saison wie die Vielen der 2020er Jahre. Doch heute kehrte Hoffnung in die Berner Postfinance Arena zurück. „Dem Mutlosen gilt alles nichts, dem Mutigen wenig viel,“ schrieb Jeremias Gotthelf einmal. Einer, der heute wie schon so oft, besonders mutig auftrat, war Tristan Scherwey (Foto). Und beide gewannen, sowohl der SCB wie auch er selbst. 

Heute stand das doch irgendwie legendäre Derby zwischen dem SCB und dem EHB Biel auf dem Programm. Legendär aus verschiedenen Gründen. Da sind einerseits die emotional geladenen Partien der 90er Jahre im Gedächtnis. In Biel fanden diese jeweils im „Eisstadion Biel“ statt. Einem etwas rustikalen und vor allem recht schmucklosen Stadion aus den 60er oder 70er Jahren.

Dieses Stadion zeichnete sich insbesondere dadurch aus, dass es hinter dem einen Tor keine Zuschauerränge gab, was dazu führte, dass beide Fangruppen recht nahe beieinander waren, was die Stimmung selbstredend noch mal anheizte. Eine weitere denkwürdige Anekdote im kantonal Berner Derby ereignete sich vermutlich vor über 35 Jahren in der Berner Allmend Halle.

Im Bieler Tor spielte damals Olivier Anken, der legendäre Goali der Bieler. Bern gewann mit mindestens einem Stängeli und bei seinem 10. Gegentreffer reichte es dem Olivier Anken definitiv. Er war so wutentbrannt über die desolate Leistung seiner Vorderleute, dass er nicht auf den Trainer wartete, um sich auswechseln zu lassen. Er schnappte sich stattdessen wütend seine Fanghand, den Stock und verliess einfach schnurstracks das Eis in Richtung Kabine.

Eine Szene, die dem Chronisten, der damals junger Stehplatzzuschauer war, noch gut in Erinnerung ist. Diese Szene zeigt übrigens perfekt den Charakter der Bieler Kult-Nummer 30, Olivier Anken: Er war zwar mit 1,66 Metern der kleinste Goalie der Liga, aber auf dem Eis ein absoluter Vulkan, der sich niemals kampflos abschlachten liess.

Heute hütet bei Biel die Nummer 35, Harri Säteri, das Tor. Er, der am 29. Dezember 37 Jahre alt werden wird, hat seinen Zenit wohl schon etwas überschritten. Seine diesjährigen Leistungen lassen zu wünschen übrig, nicht zuletzt deshalb schaut sich der Bieler Sportchef Martin Steinegger nach einem neuen Torhüter um. Gerüchteweise soll auch Christof von Burg im Gespräch gewesen sein. Der SCB hat diesen nun aber bis 2030 vertraglich an sich gebunden. Von Burg, der heute sein erstes Spiel vor heimischem Publikum absolvierte, zeigte sich im Interview sehr abgeklärt, aber logischerweise auch zufrieden. „Ich nehme Freude mit und bin sehr dankbar, dass ich da bin, wo ich bin.“ Er sei vor dem Spiel auch nicht nervös gewesen.

Auf Säteris durchzogene Leistungen angesprochen meinte ein Spassvogel (Name der Redaktion bekannt) vor dem Spiel: „De gwinnt dr SCB hüt 6:2.“  Ein Zuschauer korrigierte den Tipp noch auf 5:2. Auf Berner Seite hütete heute übrigens Christof von Burg das Tor, Sandro Zurkirchen war Backup. Dies auch, weil Connor Hughes gemäss offiziellen Informationen an „muskulären Problemen im Oberkörper“ litt und somit geschont wurde.

Das erste Drittel war arm an Höhepunkten und endete somit logisch 0:0. Der SCB hatte zwar zweimal in Überzahl spielen, diese vier Minuten aber nicht erfolgreich nutzen können. Ein Blick auf die Statistik bestätigt das Bauchgefühl der mangelnden Höhepunkte. Das erste Drittel brachte insgesamt nur gerade 15 Schüsse aufs Tor, 10 für den SCB, 5 für Biel. Also, 0:0, Pause.

Während ebendieser Pause meinte ein weiterer Spassvogel im Medienraum (auch dieser Name der Redaktion bekannt). „Mir chöme itz de use go luege, de chunnts guet“. Und dieser Spassvogel sollte umgehend recht erhalten. In der 23. Minute eröffnete Bern durch Nils Rhyn das Score. Bern trat im zweiten Drittel insgesamt aggressiver auf und stand auch in der Defensive unaufgeregt, aber stabil.

Zu Spielmitte konnte dann Biel ein erstes Mal in Überzahl agieren, tat dies allerdings ohne wirklich grosse Durchschlagskraft. Und wenn dann doch noch ein Schuss auf Tor kam, stand da ein gut disponierter Christof von Burg. Der Platzspeaker Geri Ryser hatte die dritte Strafe gegen den EHC BIel noch nicht fertig kommuniziert, schon nutzte Bern diese Überzahl aus. Sonny Milano hatte getroffen, der einen Abpraller Säteris ins leere Tor verwerten konnte.

Böse Zungen würden sagen, dass man diese Scheibe als Torhüter nicht so abprallen lassen dürfte. Nachdem er das eine oder andere Mal bisher nicht im Aufgebot stand, durfte Tristan Scherwey heute in der vierten Linie mittun. Und er tat das sehr gut.  Er eilte jeder Scheibe hinterher und spielte immer mal wieder einen intelligenten Pass. Die Zuschauer feierten ihn nach dem Spiel entsprechend. „Wir wissen, dass wir es können,“ fasste Scherwey nach dem Spiel zusammen. Auf seine Leistung und sein Tor angesprochen, meinte er bescheiden wie er ist: „Ja, mit dem 4:2 haben wir den Sack zugemacht,“ um dann doch noch auf seine eigene Leistung zu sprechen zu kommen: „ich fühlte mich gut, habe mich gut vorbereitet, ich war mir im Klaren, was ich heute bringen wollte und ich bin sehr stolz zu sehen, dass es nun so gekommen ist.“

Die heute zahlreich erschienenen SCB Fans dankten es ihrem Helden, der nun bereits seit 17 Jahren für die Mutzen spielt. Gut zwei Minuten vor Ende des zweiten Drittels konnte Biel auf 2:1 verkürzen. Für einmal hatte der SCB die Sache defensiv nicht im Griff. Jeff Skinner nutzte dies aus. Nur wenige Sekunden vor Drittelsende spielte Scherwey wieder einen hervorragenden Pass auf Alain Graf, der die Scheibe dann allerdings nicht an Harri Säteri vorbeibrachte. 2:1. Pause.

Im dritten Drittel war der SCB auch wieder leicht überlegen und konnte dann auch wieder in Überzahl agieren. Einer, der ob seiner stupenden Stocktechnik zu überzeugen weiss, ist übrigens Rodrigo Abols, der hier vorliegend die zweite Strafe gegen Biel herausholen konnte. Eine Strafe, welche die Berner nicht nutzen konnten, im Gegenteil: der SCB geriet dann selber in Unterzahl. Aber auch Biel konnte diese Chance nicht nützen.

Und so stand ein Spiel, das Bern eigentlich schon hätte entscheiden können, ja müssen, weiterhin auf der Kippe. Und dann kam’s wie es irgendwie kommen musste  Biel glich die Partie durch Lias Andersson aus. Doch Bern gab nicht auf. Knapp drei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit schnappte sich Emil Bemström die Scheibe, lief alleine aufs Tor zu und versenkte die Scheibe souverän zum viel umjubelten Stadtberner 3:2.

36.8 Sekunden vor dem Ende traf dann Tristan Scherwey ins leere Tor zum entscheidenden 4:2 für den SCB. Es war ein Tor, das sich für Scherwey abgezeichnet hatte und auch vollends verdient war. Er hatte das ganze Spiel hindurch sehr engagiert gekämpft, immer wieder mit guten Pässen überzeugt und den SCB so zu diesem wichtigen Sieg geführt. „Ich mag den Charakter, den die Jungs gezeigt haben,“ fasste der SCB Coach Serge Aubin nach dem Spiel zusammen. Und auf jene Spieler – wie zum Beispiel Scherwey – angesprochen, die manchmal nicht spielen, meinte er sybillinisch: „Es ist nie lustig, jemanden auf die Tribüne zu setzen, aber jeder ist „all in“ und sie nutzen den spielfreien Tag, um sich auszuruhen und die Batterien aufzuladen, um bereit zu sein  wenn wir sie brauchen“.

Besser könnte man Tristan Scherwey Leistung heute Abend nicht charakterisieren. Er hat seine Batterien aufgeladen und war bereit, als es ihn heute brauchte. Was er heute aus diesem Spiel mitnehme, fragte ihn ein Zuschauer, der heute einen besonderen Moment im Bärengraben erleben durfte. „Heute waren wir bissig, was wir gegen Ajoie und Genf nicht waren. Auch wenn Biel zurückkam, haben wir den Faden nicht verloren. In solchen Momenten erzwingt man das Glück und das überträgt sich dann aufs Team und aufs Publikum. Das gibt Energie. Genau das nehme ich mit,“ sagt’s und kehrt begleitet vom Medienchef Mattias Röthlisberger in den Kabinengang zurück.

Bern hat zwar weder 6:2 noch 5:2 gewonnen, wie das der Spassvogel und der Zuschauer vorausgesagt hatten, sondern 4:2. Aber die Zahlen sind nebensächlich. Wichtig ist der Sieg und wie er zustande gekommen ist. Und wichtig ist, dass alle Spieler die Energie spüren und ihre Leistung bringen oder auch ein wenig mehr. Wie Nils Rhyn, der seinen Treffer heute Abend folgendermassen umschrieb. „Ich kann es selber noch nicht ganz glauben, es ist aber mega schön. Ich sah, dass die Scheibe zu mir kommt, schloss die Augen, habe einfach geschossen und gehofft, dass er rein geht.“

Scherwey, Milano und Rhyn erzielen je ihr erstes Saisontor, Emil Bemström sein Viertes. Der Dampfer SCB scheint Fahrt aufzunehmen und das darf die Berner Fans zuversichtlich stimmen. Übrigens, einer, der den Berner Dampfer seit Jahrzehnten begleitet, ist Klaus Zaugg, der Eishockey Fachmann schlechthin. Zaugg feierte am Donnerstag die Vernissage seines neuen Buches „Der gestohlene Gotthelf“. Und kein Geringerer als Marc Lüthi, der langjährige und ebenso erfolgreiche CEO des SCB war in Langenthal dabei und würdigte Zaugg und dessen Buch.

Klaus Zaugg ist keiner, der leise am Rand steht. Das kann er nicht und das will er nicht. Er liebt es zu erzählen und das alles am liebsten in den Worten von Dichterfürst Gotthelf. Er ist präsent, meinungsstark, unbeirrbar und unbequem – eine Stimme, die man im Schweizer Eishockey kennt.

Oder um mit einem Zitat von Jeremias Gotthelf zu schliessen. „Freude und Angst sind Vergrößerungsgläser.“ Heute wars beim SCB die Freude, die zuversichtlich stimmt.

Best player:
Bern: Rodrigo Abols
Biel: Jeff Skinner

 

 

SC Bern – EHC Biel 4:2 (0:0|2:1|2:1)

Tore:
1:0 | 23.| Nils Rhyn
2:0 | 35.| Sonny Milano (Bemsträm, Mitchell)
2:1 | 38.| Jeff Skinner (Iakovenko, Sylvegard )
2:2 | 55.| Lias Andersson (Sylvegard, Aeschbach)
3:2 | 58.| Emil Bemström (Mitschell)
4:2 | 60.| Tristan Scherwey

Zuschauer:
16’261 Zuschauer
Postfinance Arena Bern

Foto: xKjetilxWaberx/xSPPx Sportspressphoto_SPR249584