
Der Unfall
In Minute 31:50 verhängten die Schiedsrichter wegen Behinderung eine umstrittene – die Berner Fans meinten ungerechtfertigte – Strafe gegen den Berner Stürmer Ricardo Abols. Zu diesem Zeitpunkt stand es 0:1 für Zug. Strafe, welche sich im Rückblick als „retardierendes Moment“ erweisen sollte. Denn danach kippte die Partie vollends auf Seiten der Zuger. Die Zentralschweizer gewannen, unter anderem dank des Hocheckschusses Gregory Hofmanns (Foto), mit 1:8.
Ein retardierendes Moment (von französisch retarder = verzögern) ist eine Szene kurz nach dem Höhe- oder Wendepunkt (Peripetie) eines Dramas, die das unausweichliche Ende hinauszögert und noch einmal kurz Hoffnung auf eine andere Wendung erweckt. Genau so war es im Spiel zwischen Bern und Zug. Der Strafe folgte das 0:2. Danach hoffte man noch auf eine Wende, die an diesem Abend nicht mehr kommen sollte. „Wir haben nun drei Monate gut zusammen gespielt. Heute war es einer jener grossen Rückschritte und damit ein guter „wake up call“ für uns,“ resümierte der Berner Captain Waltteri Merelä die Partie.
„Wir haben gar nicht gut gespielt und ab den zweiten Drittel sind wir auseinander geflogen.“ Serge Aubin, der Coach der Berner kam logischerweise zu gleichen Schluss wie sein Captain. „Insgesamt war es bisher gut, heute war aber ein schlechter Tag.“ es sei jetzt gut, dass es eine Pause gebe. „Es ist gut, dass die Jungs eine Auszeit haben. Wir haben bis hierhin recht gutes Hockey gespielt.“ Nun werden die Spieler vier Tage erhalten, um nicht ans Eishockey zu denken. „Die Spieler sollen jetzt weg gehen, ihre Familien sehen und es sich gut gehen lassen. Damit sie dann voller Energie zurückkehren.“
Mit dem EV Zug gastierte heute ein Team in Bern, das in der Tabelle ein Exot ist. Exot deshalb, weil die Zuger im Gegensatz zu allen anderen Team erst 12 Partien, also zwischen vier und sechs Partien weniger als alle anderen ausgetragen hat. Das liegt daran, dass die Zuger Arena noch saniert wurde und somit erst seit Kurzem für Heimspiele zur Verfügung steht.
Verlustpunktemässig liegen die Zentralschweizer auf Rang 2. In ihren 12 Partien haben sie bereits 25 Punkte gewonnen und bisher erst drei Mal verloren. Und Zug legte entsprechend los. Mit viel Druck nach vorne und mit viel Tempo. Und so tauchten die Zuger in den ersten Minuten immer wieder vor dem Berner Torhüter Connor Hughes auf, welcher allerdings auch beste Chancen zunichte machte.
A propos Torhüter beim SCB: Serge Aubin, der Berner Coach hat eine Logik installiert. Jeder Torhüter, sowohl Connor Hughes wie auch Christof von Burg spielt zwei Spiele nacheinander und dann kommt der andere für zwei Spiele. Eine Praxis, die perfekt funktioniert. Beide Berner Torhüter sind in der Torhüterstatistik vorne mit dabei.
Hughes liegt mit einer Fangquote von 91.59% auf Rang 8 und von Burg mit 92.86% sogar auf Rang 4 der besten Torhüter. Bern hat das letzte Saison zu Recht viel diskutierte und zuweilen auch kritisierte Torhüterproblem eindrücklich gelöst. Übrigens: aktuell bester Torhüter der National League ist der Freiburger Ludovic Waeber mit einer Fangquote von 93.21%.
Das temporeiche Spiel wogte hin und her, mit Chancen hüben wie drüben. Allerdings hatte die jeweilige Defensivabteilung bisher alles im Griff gehabt. Beidseits gab es schöne Spielzüge. Beidseits fehlte es aber vorderhand an der Präzision im Abschluss. Und so endete das erste Drittel der Logik entsprechend torlos. 0:0. Pause.
Dachte man bevor Bern kurz vor der ersten Sirene in Unterzahl geriet und Zug ein sehr gutes Powerplay aufzog. Bern konnte sich allerdings lösen. Und so blieb das Fazit wie oben beschrieben. 0:0. Pause. Auch im zweiten Drittel entwickelte sich ein temporeiches Spiel, welches Zug in der 26. Minute durch Robin Antenen zum 0:1 nutzen konnte.
Die Schiedsrichter liessen bei diesem Tempo auch sehr viel, ja eigentlich fast alles laufen. Zu viel, wie einige Experten in der Pause monierten. In der Tat war zum Beispiel Benjamin Baumgartner kurz vor der ersten Pause über Stock und Arm des Zuger Torhüters Leonardo Genoni gestolpert. Was mit zwei Minuten hätte bestraft werden müssen.
Bern war bemüht, allerdings vorderhand ohne zählbaren Erfolg. Berner Schüsse waren bisher stets eine sichere Beute des Zuger Torhüters Genoni. Mitten in die Berner Druckphase gerieten das Team wieder in Unterzahl. Was das gegen Zug mit ihrem guten Powerplay bedeutet, war allen klar. Und Zug doppelte nach. 0:2. Jan Kovar hatte getroffen.
Und nur wenige Sekunden später kam es für Bern noch schlimmer. Die Defensive der Mutzen liess sich in dieser Szene zu einfach überspielen. 0:3. Getroffen hatte diesmal Gregory Hofmann. Zu diesem Zeitpunkt, gespielt waren knapp 37 Minuten, hatte man Mühe, sich vorzustellen, dass Bern wieder in die Partie zurückkommen könnte.
Umso mehr als Zug nochmal durch Tomas Tatar zum 0:4 nachlegen konnte. Innerhalb von rund 12 Minuten hatten die Zentralschweizer 4 Tore erzielt. Ein Spielverlauf, bei dem man eigentlich von der Berner Bank eine Reaktion erwartet hätte. Diese kam allerdings überraschenderweise nicht. Obwohl es doch einige Instrumente gäbe. Timeout oder Torhüterwechsel zum Beispiel.
0:4. Pause. Vielleicht sparte sich der Berner Coach Serge Aubin die Reaktion für die Pause auf. Kaum zurück auf der Medientribüne musste der Chronist das 0:5 konstatieren. Was die Pausendiskussionen sehr gut widerspiegelte. „Was willst du tun“, meinte ein Chronist im Medienraum auf die Reaktionslosigkeit der Berner Bank angesprochen.
Der kompetente Zuschauer im Restaurant seinerseits hätte eine Lösung gehabt. „Du musst den Torhüter wechseln.“ In der Tat hatte Connor Hughes, den wir oben noch gelobt hatten, bei einigen Toren unglücklich ausgesehen. Auch beim 0:6, das die Zuger in der 42. Minute erzielt haben.
Ein weiterer Chronist fasste die abgelaufene SCB-Woche recht treffend zusammen. „Gegen die ZSC Lions und den EV Zug kann man verlieren. Aber wenn die beiden Niederlagen in derselben Woche und dann noch zu Hause sind, ist’s sehr unglücklich.“ Womit eigentlich alles gesagt wäre. Wobei Bern weiterhin zerfiel. 45. Minute: 0:7.
Und jetzt wo er definitiv keine Rolle mehr spielen konnte, kam er trotzdem noch. Der Torhüterwechsel. 70.89% betrug die heutige Fangquote von Connor Hughes. Was den Chronisten im vergleich zu seinen Zeilen weiter oben zu einer journalistischen Spitzkehre bewegen könnte. Abe mir wei nid grüble. Das soll man aufgrund von Einzelwahrnehmungen auch nicht tun. Und ein Spiel ist eine Solche. Waltteri Merelä, der Berner Captain ging in der Selbstkritik des Teams zum Schutz der Torhüter noch einen Schritt weiter. „Ich sagte vorhin in der Garderobe, dass wir das beste Goali-Tandem der Liga haben.“ Des Captains nächster Satz sei hier original in Englisch wiedergegeben. „That’s the last time that this team kind of shit on them like this“.
Womit Merelä deutlich die ungenügende Leistung des Teams als Ganzes zusammenfaste und die Goalis in Schutz nahm. In der 47. Minute verkürzte Merelä auf 1:7. Wobei das Verb „verkürzte“ in diesem Zusammenhang ziemlich unzutreffend ist. Es war aus Berner Sicht ein Abend zum Vergessen. Insofern kommt die Natipause grad sehr gelegen.
Eine Natipause, in der der SCB quasi vollzählig wird trainieren können. Denn im Aufgebot der Schweizer A-Nationalmannschaft für die Euro Hockey Tour im November 2026 steht mit Rodwin Dionicio genau ein SCB-Spieler. Und eben: alle anderen dürfen, ja sollen während diese Natipause auch die guten Dinge der letzten 17 Spiele zurückschauen, „Wir spielen gutes Eishockey und haben eine gute Mannschaft. Wir erarbeiten uns viele Chancen und von den Resultaten her wars ein sehr guter Start“, resümierte Benjamin Baumgartner die bisherige Saison.
Nochmals Benjamin Baumgartner: „Es gibt einen frischen Wind in der Mannschaft, das haben wir schon während der gesamten Vorbereitung gemerkt. Das wollen wir beibehalten.“ Auf die mangelhafte Torproduktion angesprochen, meinte Baumgartner, dass man schon im Training einen Fokus auf den Abschluss legen müsse, um dann darauf aufbauen zu können. Baumgartner sieht’s in seinem österreichischen Dialekt pragmatisch: „Und in de Spielen müssen wirs dann eifach eini hauen.“ In diesem Sinne hofft „tout Berne“, dass das heute Abend ein ausserordentlicher Unfall gewesen sein möge.
Weiter geht’s am 11.11. im Tessin gegen Lugano und am 13.11. zu Hause gegen Gottéron.
Best player:
Bern: Waltteri Merelä
Zug: Gregory Hofmann
SC Bern – EV Zug 1:8 (0:0 |0:4|1:4)
Tore:
0:1 | 26.| Robin Antenen (Gredig, Riva)
0:2 | 33.| Jan Kovar (Rohrer,Kubalik)
0:3 | 34.| Gregory Hofmann (Senteler, Moverare)
0:4 | 38.| Tomas Tatar (Wingerli, Kovar)
0:5 | 41.| David Sklenicka (Kovar, Diaz)
0:6 | 42.| Sven Senteler (Tatar, Hofmann)
0:7 | 45.| Gregory Hofmann (Tatar, Senteler)
1:7 | 46.| Waltteri Merelä (Aaltonen)
1:8 | 50.| Vinzenz Rohrer (Wey, Kubalik)
Zuschauer:
15’155 Zuschauer
Postfinance Arena Bern
Foto: imago images