
Quo vadis SCB?
Der SCB hat seine Kommunikationshoheit verloren, ein Gerücht jagt das nächste. Und der SCB schweigt beharrlich. Ein Imageschaden droht, wenn er denn nicht schon länger da ist. Die oberste Führung muss so schnell wie möglich, aber vor allem besonnen und glaubwürdig intervenieren.
In einem offenen Brief an Jürg Fuhrer, den ab dem 1. Mai 2026 designierten neuen CEO des SCB, schrieb ich vor knapp einer Woche den folgenden Schluss:
Ein offener Brief für Dich, lieber Jürg Fuhrer – Eishockey-Online Schweiz
Oder zusammenfassend, lieber Jürg: Du musst dafür sorgen, dass der SCB über Strukturen verfügt, in denen kompetente Personen erfolgreich agieren können. Und du musst dafür sorgen, dass jene Personen entmachtet werden, die bisher und heute immer noch meinen, dass Strukturen lediglich dem persönlichen Machterhalt zu dienen haben.
Ich dachte ja nun wirklich nicht, dass ich so rasch wieder in die Tasten greifen muss. Doch die Ereignisse überschlagen sich beim SCB. Sie überschlagen sich, weil der SCB nach wie vor standhaft nicht kommuniziert. Es herrscht eiserne Ruhe beim SCB. Medienanfragen werden konsequent nicht oder dann mit Verweis auf eine spätere Kommunikation beantwortet. So erhielt zum Beispiel TeleBärn heute Donnerstag die Antwort, man äussere sich nicht und werde erst nächste Woche kommunizieren.
Doch lassen wir die heutigen, sich überschlagenden Ereignisse Revue passieren. Der Chronist war am sehr frühen Morgen wieder einmal bei seinem Sport-Masseur und Akupunkteur. Man unterhielt sich – logisch – über den SCB. Und kaum war die letzte Nadel entfernt worden, überschlugen sich die Ereignisse. jetzt, am späteren (Feier-)Abend, ist für den Hobby-Chronisten die Zeit für eine kleine Zusammenfassung gekommen. Als Erste gab die seriöse NZZ das Resultat ihrer Recherchen bekannt. Die NZZ hatte recherchiert und rausgefunden, dass der SCB sich von seinem Captain und langjährigen Verteidiger Ramon Untersander trennt. Und dies trotz einem Vertrag, der noch zwei Jahre (!!!) gültig ist. Die NZZ schreibt dazu:
Untersander ist nicht der einzige SCB-Profi, den der Bannstrahl des Managements trifft. Auch vom ehemaligen Nationalstürmer Joël Vermin und dem Abwehrspieler Häman Aktell trennt sich der Klub. Beide besitzen einen Vertrag bis 2027; der 34 Jahre alte Vermin war 2022 aus Genf zu seinem Ausbildungsklub zurückgeholt worden, blieb seither aber vieles schuldig und wurde phasenweise zum Verteidiger umfunktioniert. Er gehört mit einem Salär von knapp 550 000 Franken zu den Grossverdienern im Team.
Die Trennungen werden den SCB eine substanzielle Summe kosten – und zwar unabhängig davon, ob die Spieler anderswo platziert werden können. Untersanders Agent sagte am Donnerstag öffentlich, er denke, dass «jedes Team» seinen Klienten gerne verpflichten würde. Was in der Branche nicht alle so sehen. Ein NL-Sportchef sagt: «Ich setze ein grosses Fragezeichen dahinter, wie gross die Bereitschaft von Untersander ist, noch einmal den Klub zu wechseln.»
Nicht nur „Unti“ muss gehen, sondern auch Vermin und Häman-Aktell. Ohne es aktiv zu kommunizieren, wird also publik, dass der SCB drei Spieler entlässt, die er zusammengezählt noch über 4 Jahre bezahlen muss. Andere Recherchen haben übrigens ergeben, dass weitere Spieler den SCB verlassen werden. Mike Sgrabossa (zu den Lakers) Ejdsell (nach Schweden). Auslaufende Verträge haben Reideborn, Henauer, Kreis, Iakovenko, Fuss und Bemström. Wobei der Blick in Bezug auf Bemström in einer schwedischen Zeitung gelesen haben will, dass der SCB mit dem schwedischen Spieler verlängern will.
Insgesamt werden und könnten also über 10 Spieler den SCB verlassen. Dem gegenüber stehen vier gemeldete Zuzüge. Barandun, Grossniklaus, Mottard und Rohrbach. Betrachten wir es mal nüchtern mathematisch: Rund 10 Abgängen stehen 4 Zuzüge gegenüber. Ein Minus von sechs. Das ist nicht gut. Wenn man bedenkt, dass wir bereits im April stehen und die nächste Saison in fünf Monaten startet. Diese schlechten Nachrichten führten selbstverständlich umgehend zu Kommentaren, Meinungsäusserungen und weiteren Berichten. So äussert sich Angelo Roncchinotti vom Bund/BZ bezüglich der Freistellungen von Untersander, Vermin und Häman-Aktell folgendermassen:
Plötzlich ist all das Makulatur. Das geschieht in einem Club, der auf junge Talente angewiesen ist und sie entwickeln will. Einem Club, der im Kampf um die besten Spieler ohnehin schon Mühe bekundet. Einem Club, der wieder attraktiv werden will. Verlängern, um kurz darauf wieder auszusortieren, ist kein Konzept, sondern ein Zeichen von Planlosigkeit.
Dieses Hü und Hott fällt in die Verantwortung von Martin Plüss. Beim SCB fällt kein sportlicher Entscheid ohne sein Einverständnis. Plüss verhandelte damals auch mit Untersanders Agenten. Es stellt sich die Frage: Was macht Plüss eigentlich? Der SCB braucht nicht nur neue Spieler, sondern vor allem eine klare Handschrift.
Ronchinotti beschreibt das zentrale Problem des SCB. Der derzeitige Umgang mit Menschen ist beim SCB – nennen wir es mal vorsichtig – eigentlich inakzeptabel. Die Liste der vom SCB entlassenen Menschen der letzten Jahre ist sehr lang und sie erweitert sich aktuell grad wieder in galoppierendem Tempo. Die Namen sind bekannt, wir beschränken uns hier nachfolgend darauf, die letzten von „Nau“ SC Bern: Umfassender Frühjahrsputz: Auch Gastro-Chef geht von Board | Nau.ch kommunizierten Abgänge zu zitieren.
Denn auch der langjährige Chef der Sportgastro AG verlässt das Unternehmen: Sven Rindlisbacher, jener Mann, der in den vergangenen 25 Jahren hauptverantwortlich für die Gastronomie-Strategie des Klubs in der Neuzeit zeichnete. Mit Rindlisbacher, dem Sohn des ehemaligen Swiss Ice Hockey-Präsidenten Michael Rindlisbacher, wird auch der erst 2025 als «Leiter operatives Geschäft» eingestellte Justin Krueger nicht mehr für den SCB tätig sein.
Wie soll man als potenzieller neuer Spieler oder auch als Arbeitnehmender einem Unternehmen wie dem SCB vertrauen, wenn dieser immer wieder Menschen auf die Strasse stellt? Aktuell stellt der SCB Spieler, Funktionäre und auch die eine oder den anderen Mitarbeitenden auf die Strasse. Mitarbeitende, die zum Teil nota bene seit Jahrzehnten treu für den Club gearbeitet haben. Der SCB entlässt also zur Zeit sehr viele Menschen, andere gehen vielleicht freiwillig. Nau schreibt zieht dann eine Schlussfolgerung, die auf der Hand liegt:
Erstaunlicherweise hat sich der SCB bis Donnerstagmittag nicht zu diesen einschneidenden Veränderungen geäussert, der Sportdirektor Martin Plüss war nicht zu erreichen. (…) Möglicherweise steckt hinter der kommunikativen Zurückhaltung mehr als angenommen.
Der Sportchef Martin Plüss war also heute nicht zu erreichen und Pascal Signer, Chief Hockey Officer, blieb im Bund/BZ äusserst wortkarg.
«Wir sind derzeit in diversen Gesprächen und kommunizieren, wenn alles definitiv ist.»
Die zentrale Frage, die wohl sehr viele Berner Fans umtreibt, ist: was um Himmels Willen ist da los beim SCB? Auf diese Frage gibt es aktuell keine verlässliche Antwort. Deswegen müssen wir mit Hypothesen arbeiten.
Dem SCB ist die Kommunikationshoheit entglitten
Das ist eigentlich mehr als eine Hypothese, das ist eine gesicherte Evidenz. Der SCB schweigt seit Monaten beharrlich. Und das führt nun dazu, dass die Medien mit Gerüchten arbeiten müssen. Noch selten musste man über einen Club so viele Gerüchte und Ungesichertes und auch Unkommentiertes lesen. Dem SCB ist die Kommunikationshoheit entglitten. Das ist gar nicht gut. In der heutigen, so schnelllebigen Zeit der Social Media ist Eines klar: die öffentliche Kommunikationshoheit muss so schnell wie nur möglich zurückgewonnen werden.
Dazu braucht es besonnenes, aber auch sehr schnelles Handeln. Gefragt ist eine proaktive Kommunikation, um das Image zu schützen. Der SCB muss so rasch wie möglich faktenbasiert, transparent und direkt kommunizieren. Und der SCB muss Eines wissen und beherzigen: Die Eishockeyszene in der Schweiz ist ein kleines, überschaubares Dorf, in dem jeder jeden kennt. Zu meinen, man könne hinter vorgehaltener Hand Entscheide treffen und diese vertraulich halten, ist blauäugig. Wer das bezweifelt, schaue, was sich letztes Jahr in Ambri zugetragen hat. Knall und Drama in der Leventina – Eishockey-Online Schweiz
Der SCB befindet sich in einem Macht-Vakuum
Marc Lüthi, seit 28 Jahren CEO des SCB tritt per Ende April ab. Am 1. Mai übernimmt Jürg Fuhrer. Ein vermeintlich nahtloser Übergang. Aber nahtlos ist dieser Übergang eben nicht. Lüthi will die Zukunft des SCB in neue Hände legen. Und folgerichtig dürfte er sich jetzt aus allen Entscheiden raushalten, die mit der Zukunft zu tun haben. Das ist richtig. Und äbe: der neue CEO ist noch nicht da, also ist ein Macht-Vakuum entstanden. Eine kleine KI-Recherche ergibt eindeutig, was in solchen Übergangsphasen mit Vakuum droht:
Wenn der alte Chef geht, bevor der neue eintrifft, entsteht oft ein Machtvakuum. Diese Übergangsphase ist durch Unsicherheit, verlangsamte Entscheidungen, strategischen Stillstand und erhöhte Ellenbogenmentalität geprägt, während Mitarbeitende sich neu positionieren. Es ist eine kritische Zeit, die oft informelle Führung oder provisorische Vertretungen erfordert.
Diese Übergangsphase – und das ist die im Fall des SCB zentrale Erkenntnis – ist durch erhöhte Ellenbogenmentalität geprägt, während Mitarbeitende sich neu positionieren. Die vielen Entlassungen und Abgänge der letzten Wochen dürften ein valider Beleg dafür sein, dass sich der eine oder andere Mitarbeitende beim SCB in diesem Macht-Vakuum neu positioniert und vor allem seine Ellenbogen ausgefahren hat. Das schadet dem Image des SCB. Und wenn das nicht sehr schnell korrigiert wird, dann droht der Imageschaden mit jedem Tag grösser zu werden.
Das Macht-Vakuum ist übrigens schon seit einigen Wochen sichtbar. Diese Redaktion griff das Thema schon Mitte Februar einmal auf. SCB – gibt es eine Logik im Haifischbecken? – Eishockey-Online Schweiz Im diesem Artikel kamen wir zu einer klaren Schlussfolgerung:
Das Haifischbecken scheint sich vorliegend effektiv durch eine offensichtliche Skrupellosigkeit auszuzeichnen. Die neue Führung des SCB ist gefordert. Es dürfte kein Zufall sein, dass man Marc Lüthis Rücktrittsankündigung abgewartet hat, um in der Zeit des Interregnum die Dinge so zurecht zu biegen, wie man sie haben will. Wer hier „man“ ist, lässt sich nicht abschliessend beantworten. Klar ist indes Eines. Mit so viel operativer Hektik kommt es bestimmt nicht gut.
Auf den neuen SCB-CEO wartet ab Mai 2026 viel Stabilisierungsarbeit. Wie bereits erwähnt, gilt Fuhrer als ruhig, besonnen, authentisch, nahbar, respektvoll, pflichtbewusst, zukunftsorientiert und innovativ. Und er soll Recherchen zufolge Wert auf eine transparente Kommunikation und eine Unternehmenskultur legen und damit über ein soziales Bewusstsein verfügen.
Doch was tun?
Das ist die zentrale Frage, die sich Jürg Fuhrer nun sehr schnell stellen muss. Fuhrer, der „Recherchen zufolge Wert auf eine transparente Kommunikation und eine Unternehmenskultur legen und damit über ein soziales Bewusstsein verfügen“ soll, steht vor einer kniffligen Aufgabe. Denn er ist wie erwähnt faktisch noch nicht im Amt. Er kann aber keineswegs den 1. Mai abwarten, um einzugreifen. Insofern bleiben ihm nur zwei Varianten übrig: Entweder er bittet den Verwaltungsratspräsidenten Carlo Bommes darum, eine „strategische Medienkonferenz“ einzuberufen. An dieser Medienkonferenz müsste Bommes die mittelfristige Strategie kommunizieren und die Medienschaffenden um Geduld bitten, bis der neue CEO im Amt ist und die Strategie umsetzen kann.
Das Risiko dieser Variante ist, dass man in der sowieso schon verspäteten Kaderplanung nochmals sehr wichtige Zeit verliert. Und die Medien dürften sich kaum vertrösten lassen. Sie würden weiterhin mit Gerüchten operieren. In dem Sinne bleibt Fuhrer wohl nur noch eine Variante: Er tritt zeitnah selber vor die Medien und erklärt „ruhig, besonnen, authentisch, nahbar, respektvoll, pflichtbewusst, zukunftsorientiert und innovativ“, wohin er den SCB führen will. Und er muss gegenüber der Öffentlichkeit verbindlich aufzeigen, dass er die Strukturen so anpassen will, wie diese Redaktion dies vor knapp einer Woche forderte:
Oder zusammenfassend, lieber Jürg: Du musst dafür sorgen, dass der SCB über Strukturen verfügt, in denen kompetente Personen erfolgreich agieren können. Und du musst dafür sorgen, dass jene Personen entmachtet werden, die bisher und heute immer noch meinen, dass Strukturen lediglich dem persönlichen Machterhalt zu dienen haben.
So, habe fertig. der Chronist wünscht dem neuen CEO allen Erfolg dieser Welt. Denn der SCB ist wichtig für Bern. Viel zu wichtig, als dass man dem aktuellen Handeln tatenlos zuschauen könnte.
Foto: Marija Diepold