Gottérons Meisterfeier stellt alles in den Schatten

von 3.Mai 2026National League

Wohl schon! Auch wenn das zahlenmässig nicht eindeutig zu belegen ist, so gibt es zahlreiche Geschichten rund um diesen Meistertitel, welche den Titel dieses Artikels belegen. Die wohl wichtigste Geschichte: Julien Sprunger, der in seiner 24. Saison und vor seinem Karriereende seinen Copains als Captain den ersten Meistertitel beschert. Eines ist sicher: diese Meisterfeier dürfte alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. Und wer sich fragt, was in den nächsten Stunden in Thun los sein wird, lese diesen Artikel.

Davos, 30. April 2026, gespielt wird die erste Verlängerung des alles entscheidenden 7. Playoff-Finalspiels zwischen Davos und dem HC Fribourg Gottéron. Es ist das Ende einer unfassbar spannenden und insgesamt einzigartigen Finalserie. Einzigartig aus vielerlei Gründen. Da waren zunächst einmal die vier Breaks in den ersten vier Spielen. Gottéron gewinnt zuerst in Davos mit 2:3, dann gewinnt Davos 3:1 in Freiburg, danach wieder Freiburg 2:3 in Davos  und schliesslich Davos 1:0 in der BCF Arena zu Freiburg. Nach vier Partien stand die Serie also 2:2 unentschieden.

Die 5. Partie gewannen die Davoser zuhause dann 5:4. Erster Matchpuck für Davos. Freiburg konnte dann aber zwei Tage später zuhause 2:1 gewinnen und so die Belle erzwingen. Und eben: in der ersten Verlängerung dieser Belle, nach genau 64:28 Minuten beförderte Calle Andersson die Scheibe aus dem eigenen Verteidigungsdrittel hinaus über die Bande. Auch diese Szene passt zum dramatischen Verlauf der Serie. Die Scheibe wird nicht etwa meterweise über diese Bande gespielt, sondern nur einige Zentimeter. Das darauf folgende Freiburger Powerplay schliesst Lucas Wallmark in Minute 65:56 mit einem „One-Timer“ ins Freiburger Glück ab. Gottéron ist Schweizer Meister. Erstmals in seiner 89-jährigen Geschichte.

Was danach folgt, ist kollektiver Freudentaumel eines ganzen Kantons. Und wohl auch darüber hinaus. Denn gemäss einigen Medienberichten reisten Gottéron Fans aus den verschiedensten Landesteilen an die Meisterfeier. Ein Meisterfeier mit riesigen Dimensionen. Laut einer Schätzung der Polizei verfolgten über 80’000 Menschen die Meisterparade. Was erklärt, dass es zuweilen etwas eng wurde. Wie zum Beispiel hier am Murtentor, wo die Sause auch einmal ein wenig blockiert war.

Video: Tom Fasel

Eine riesige Feier, die – und auch das ist erwähnenswert – ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen ist. Was die Freiburger Kantonspolizei vermelden durfte. Setzen wir die ganze Geschichte in einen zahlenmässigen und auch geschichtlichen Kontext. Der Kanton Freiburg hat rund 350’000 Einwohnerinnen und Einwohner. So gesehen war also jeder 5. Freiburger an dieser Meisterfeier dabei. Ein eindrücklicher Beleg für die Grösse und auch Wichtigkeit dieser Party. An dieser Partie haben die verschiedensten Bevölkerungsgruppen diesen Meistertitel gemeinsam gefeiert.

Freiburg ist ein Kanton mit zwei Amtssprachen. Knapp 69% reden Französisch, 27% Deutsch. Im Kanton Freiburg werden auch mindestens zwei Dialekte gesprochen. Einerseits das Senslerdeutsch. Rund 30’000 Menschen reden diesen Dialekt im deutschsprachigen Sense-Bezirk, in Teilen des Seebezirks und in der Stadt Freiburg. Im Seebezirk, also in der Region rund um Murten, kommt auch das Berndeutsche vor. Warum das so ist, fragt ihr euch? Die Antwort darauf findet ihr in unserem Bericht von Dezember 2024: Philippe Furrer, der HC Murten und die dazugehörigen Geschichten – Eishockey-Online Schweiz

Zusammenfassend… 
… kann man Folgendes feststellen:

  • Murten unterhält seit rund 1000 Jahren Beziehungen sowohl zu Bern wie auch zu Freiburg.
  • Im Zuge der Reformation übte Bern einen grossen Einfluss auf das bürgerliche Leben in Murten aus, was erklärt, warum man in Murten heute noch Berndeutsch spricht. Im Gegensatz zum katholischen Sensebezirk, wo freiburgisches Senslerdeutsch gesprochen wird.
  • 1803 wurde Murten dem Kanton Freiburg zugeteilt, womit die Sympathien zu Fribourg Gottéron und damit auch die Rivalität zwischen dem SC Bern und Gottéron erklärt werden können.

Die Rivalität zwischen Gottéron und dem SCB
Diese Rivalität dauert wohl seit dem Aufstieg von Gottéron in die NLA im Jahre 1980 an.  Erster Kulminationspunkt dieser Rivalität war im Jahr 1992. Gottéron hatte sich die Dienste des kongenialen Duos Bykov und Chomutov gesichert, um sich den ersten Meistertitel der Geschichte zu sichern. In diesem Jahr kam es zum Final zwischen dem SCB und Gottéron. Bern gewann die damals noch als „Best-of-five“ ausgetragene Serie in der Finalissima mit 3:2. Bern gewann diese Belle in der St-Léonard-Halle dank zwei Toren von Patrick Howald mit 4:1. Auch Howald beendete übrigens seine Karriere bei Gottéron.

2013 kam es wieder zum Derby-Final zwischen Gottéron und dem SCB. Auch in dieser Serie setzte sich der SCB durch, schliesslich mit 4:2. Die letzte Partie gewann Bern mit 5:1, auch dank des 1:0 durch den heutigen Berner Sportchefs Martin Plüss. Im Berner 2013er Meisterteam spielte übrigens auch ein gewisser Philippe Furrer, der seine Karriere danach in Freiburg beendete. Und Assistenztrainer der Berner war damals Lars Leuenberger, der aktuelle Assistenztrainer von Gottéron. Zweifacher Torschütze in dieser Finalserie war auch Julien Sprunger, der nach dem diesjährigen Meistertitel seine Schlittschuhe an den berühmten Nagel hängen wird.

Kevin Biehl und der HC Murten 
Ihr erinnert euch vielleicht. eishockey-online.ch hatte im Dezember 2024 den HC Murten portraitiert, als dieser an den Spenglercup gefahren war. Den Link auf den Beitrag haben wir weiter oben schon publiziert. Kevin Biehl heisst der Präsident des HC Murten. Und er war am letzten Donnerstag an der Belle in Davos dabei, wie er dieser Redaktion telefonisch mitteilt. „Als einer der wenigen Fans durfte ich nach der Partie aufs Eis“, erzählt er.

Kevin Biehl durfte die Belle in Davos im Gegensatz zu anderen Gottéron Fans in voller Länge miterleben. „Seine“ Gruppe sei um 13 Uhr in Freiburg abgefahren und um 1730 Uhr in Davos angekommen, wo sie vor dem Spiel noch ein Raclette geniessen konnten. Zahlreiche Gottéron Fans sind wegen Staus erst auf den Beginn des zweiten Drittels eingetroffen. Als der HCD im letzten Drittel und auch zu Beginn der Verlängerung Druck machte, stieg die Spannung in den Reihen der Gottéron Fans an. „Wir haben gezittert, gehofft, „brüehlet, gsunge, gsunge und gsunge“, meint Kevin, dessen Stimme nach wie vor etwas gezeichnet ist.

Und dann eben: In der 66. Minute der Verlängerung fiel das Siegtor. Weswegen das Herz fast stehen geblieben sei. „Wir haben den Titel wirklich gewonnen. Und niemand wird mehr sagen können, Gottéron sei titellos“, fasst Kevin Biehl stolz zusammen. Sehr schön sei gewesen, dass alle Davoser Fans extrem fair geblieben seien und auch zum Titel gratuliert haben. Auch per whatsapp seien viele Gratulationen von Davos Fans bei ihm eingegangen, sogar einzelne Gratulationen von SCB Fans habe er erhalten.  Übrigens: auch Sandro Schmid, der in der letzten Phase der Saison verletzte Spieler von Gottéron ist ein Murtener. Und auch mit ihm konnte bereits in Davos gefeiert werden.

Matthias Marti und Kevin Biehl (beide HC Murten) mit Sandro Schmid (Gottéron) in Davos auf dem Eis

Jeder vom HC Murten hat die Belle in Davos auf seine Weise mitverfolgt. Einige waren, wie Kevin, live in Davos, andere in und rund um die BCF Arena in Freiburg, nochmals andere zuhause und haben die Partie mit ihren Kindern geschaut. Philippe Furrer, auch er heutiger Spieler des HC Murten, kommentierte am Donnerstag im SRF ab 18 Uhr die Partie der Schweizer Nati gegen Schweden. Schweden besiegte die Schweiz bekanntlich mit 8:1 sehr deutlich. Um kurz nach 20 Uhr endete die Partie der Nationalmannschaft und von da an dürften Furrers Gedanken uneingeschränkt in Davos gewesen sein. Was er nach dem Sieg auch gegenüber dieser Redaktion kundgetan hat. Gottéron Meister – ein Kanton in Ekstase – Eishockey-Online Schweiz

Kevin Biehl kennt Lars Leuenberger, den Assistenztrainer von Gottéron, persönlich. Auch mit ihm konnte Kevin den Titel in Davos feiern.

Matthias Marti und Kevin Biehl mit Lars Leuenberger in Davos auf dem Eis

Die faire Schweizer Eishockey-Szene
Eines sei an dieser Stelle herausgehoben. Wie es weiter oben schon steht. Die Reaktionen der Davoser Fans und eigentlich der ganzen Eishockey-Schweiz waren von grosser Fairness und Respekt geprägt. Trotz bestehenden Rivalitäten konnte man in den letzten Tagen fast ausschliesslich positive Reaktionen zum ersten Freiburger Meistertitel hören und lesen. So muss es sein und so wollen wir das in der Schweizer Eishockeywelt auch bewahren. Besonders erwähnt sei an dieser Stelle die Reaktion des Davoser Coach Josh Holden, der nach der Niederlage seiner Mannschaft im mysports Interview Grösse zeigte: „«Zuallererst sollten wir sicherstellen, dass wir jedem einzelnen Spieler von Fribourg gratulieren. Wenn man gewinnt, gewinnt man – und das haben sie geschafft.» Und zu Julien Sprunger soll Holden gemäss Blick Folgendes gesagt haben: „ich gratuliere Julien Sprunger, ich freue mich für dich.“

Die Meisterfeier
Über 80’000 waren sie also, jene Menschen, die gestern Samstag ihre Gottéron Meisterhelden mit einem Umzug durch die Stadt feierten. Die Parade startete um 16 Uhr in der Rue de Rome, in der Freiburger Innenstadt nahe der Universität Freiburg. Die Route führte danach über die Route des Alpes – Place de la Grenette – Rue de Morat bis zur Place du Fair-Play bei der Freiburger BCF Arena. Wo ab 18 Uhr gefeiert worden ist.

Die Bilder zum Umzug

Pierre Steinauer, merci für diese Fotos

Diese Finalserie und der erste Meistertitel von Gottéron werden noch lange nachhallen. Wir dürfen uns auf die nächste Saison freuen. Aber vorerst freuen wir uns auf die Eishockey Heim-WM in Zürich und Freiburg. Die Schweizer Nati wird ihre Spiele in Zürich austragen. Die Schweiz war noch nie Weltmeister im Eishockey. Die grössten Erfolg waren die Finalteilnahme und damit der Vizeweltmeistertitel in den Jahren 1935, 2013, 2018, 2024 und 2025. Insofern wäre auch hier ein Weltmeistertitel fällig. Träumen muss erlaubt sein. Hopp Schwiz!!

Und beim Fertigstellen dieses Berichts kommt noch die folgende Nachricht. Der FC Sion gewinnt auswärts gegen St. Gallen mit 0:3. Und macht somit den FC Thun zum Schweizer Fussball (Sofa-)Meister. Zum Meister also, ohne unmittelbar selbst gespielt zu haben. Thun hat aber eine hervorragende, ja eigentlich sogar sensationelle Saison gespielt. Als letztjähriger Aufsteiger aus der Challenge League marschierten die Thuner zum Meistertitel durch. Der am 1. Mai 1898 gegründete FC Thun errang damit seinen allerersten Meistertitel. Das ist vorher wohl noch nie dagewesen. 

Thun hatte vor gut 20 Jahren, in der Saison 2004/05, mit Rang 2 und damit dem Vizemeistertitel schon einmal geglänzt.  Den Oberländern gelang danach sogar die Qualifikation zur Champions League. Sie sorgten damals für eine riesige Überraschung und für den (bisher) grössten Erfolg der Vereinsgeschichte.

Nun sind also mit Gottéron und Thun zwei Vereine ausserhalb der grossen Städte Schweizer Meister geworden. Vergessen wollen wir auch nicht den Schweizer Meistertitel im Unihockey der Wizarads aus Burgdorf bei den Damen und von Rychenberg Winterthur bei den Herren. Alles Vereine aus der Schweizer Provinz. Und wie man solche Titel in der Provinz feiert, hat Freiburg soeben vorgemacht. In einem Essay würdigt Eismeister Zaugg die Thuner und Freiburger Erfolge. Fribourg-Gottéron ist Meister und bald auch Thun – die Kraft der Provinz

Zaugg streicht insbesondere den Aspekt der Identität heraus.

Identität wächst aus der Begrenzung. In kleinen Städten – selbst für die Schweiz sind Thun und Freiburg keine Grossstädte – ist Identität kein Marketingbegriff, sondern Alltag. Man kennt sich, man versteht sich und man weiss, wofür man steht. Das gilt auch im Sport. Wo weniger Geld zirkuliert, zirkulieren mehr Werte.

Bescheidenheit, Verlässlichkeit, Loyalität. In der Provinz keine leeren Begriffe. Sondern Notwendigkeiten. Im Alltag. In der Geschäftsführung. In der Politik. Im Sport. Und wieder einmal ist es der Sport, der uns mit Thun und Gottéron inspirierende Beispiele liefert.

Unsere Gratulation gehen dieses Jahr also nach Freiburg, Thun, Burgdorf und Winterthur. Nehmen wir uns ein Beispiel an deren Werten. An Bescheidenheit, Verlässlichkeit und Loyalität. Und wenn sich auch Clubs aus grösseren Städten an diesen Werten orientieren, werden sie sicherlich auch wieder Erfolge feiern können.

Fotos und Videos: Pierre Steinauer, Tom Fasel und Kevin Biehl